english version below!
Where am I? – Ich betrachte die Welt durch den Raum
Katja Jug trifft den Fotografen Andreas Hagenbach
Andreas Hagenbach und ich treffen uns in der Lobby eines Zürcher Hotels. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch, den wir mit unseren elektronischen Geräten gänzlich besetzten. Er stellt seinen portablen Rechner auf, ich das Aufnahmegerät und das Mikrofon. An der Reception herrscht reger Betrieb, nebst dem Stimmengewirr ist das monotone Plätschern eines künstlichen Wasserfalls zu hören. An diesem Ort wollen wir über Andreas Hagenbachs Fotografien sprechen.
Worum geht es Dir in Deinen Bildern?
Das übergeordnete Thema ist der Umgang mit Raum. Es geht darum, wie wir einen Raum bestimmen und wie wir ihn nutzen. Das ist immer mit Fragen verbunden. Ich betrachte die Welt durch den Raum. Als ich in Georgien war, kam mir die Idee, die geschriebene Frage «Where am I?» ins Bild zu setzen. Dieses Projekt habe ich später in Australien umgesetzt.
Warum ist die Frage «Where am I?» wichtig?
Die Frage «wo bin ich?» ist immer präsent. Diese Frage nach dem Ort, an dem ich mich befinde, hat mit einer kulturellen Identität zu tun. Ob ich nun zu Hause bleibe oder auf Reisen bin. Ich frage immer: Was sind hier für Stimmungen? Wie riecht es? Welche Grundströmungen sind vorhanden? Ich befrage eine kulturelle Identität. «Where am I?» ist vielleicht eine Anfangsfrage, von der man ausgehen kann für eine weitergehende Befragung. Es könnte auch heissen «Was mache ich?»
Meinst Du damit auch «Wo stehe ich im Leben?»
Genau. Es könnte auch «Wer bin ich?» heissen. Die Frage spielt mit Doppeldeutigkeiten. Ich will aber weder klare Antworten geben noch erhalten. Die Fotografien können mentale Räume eröffnen. Der Betrachter ist für mich ein verantwortungsbewusster Mensch. Er hat die Freiheit, etwas zu denken oder auch nicht zu denken. Das ist eine Haltung von mir, die auch in den Bildern zu sehen ist.
Was interessiert Dich am Raum?
Es ist wichtig, dass man seinen Platz findet, dass man ihn bekommt, dass man ihn wahrnimmt. Es ist wichtig, sich Fragen zu stellen wie: Wie wird ein Ort geschaffen? Wie wird er nicht geschaffen? Wie verschwindet er wieder? Aus solchen Fragen kann ein ganzer Herrschaftsdiskurs entstehen. Es geht um sehr aktuelle Fragen. Gerade heute, wo Platz ein Privileg von Wenigen ist. Doch Raum hat auch einen mentalen Umriss. An scheinbar weitläufigen Orten kann der mentale Raum dennoch klein sein. Das ist dann eher eine gesellschaftliche Ordnung, die wir als Raum beschreiben. Darum kann man sich so fern vorkommen. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf dieses Raumerlebnis.
Ist der mentale Raum wichtiger als der physische Raum?
Nein, der physische Raum ist mir auch sehr wichtig. Den bin ich ja am portraitieren, ihn setze ich ins Bild. Wenn er mir nicht wichtig wäre, würde ich viel abstraktere Bilder machen. Der physische Raum als solcher ist aber auch ein Abbild des mentalen Raumes. Wir sollten über die Qualität der Ausstrahlung eines Raumes reden. Das sollten wir auch hier tun, wo wir uns gerade befinden - ich sehe drei Überwachungskameras, das ist doch seltsam. Mir wird dauernd suggeriert, dass ich hier beherbergt werde, ich sei Gast, dennoch bin ich gleichzeitig ein Fremdkörper. Insofern geht es darum, solche Räume zu relativieren, sie in einem Kontext zu verorten.
Text © Katja Jug - All Rights reserved.
english version:
Where am I? – I perceive the world by looking at space
Katja Jug meets the photographer Andreas Hagenbach
Andreas Hagenbach and I met in the lobby of a hotel in downtown Zürch. We install ourselves at a small table which we pack with our electronic gear. He gets the portable computer going, on my side resides the recorder and the microphone. Voices from the reception counter as well as the monotonous sound of the artificial waterfall drift in our direction. At this place we want to talk about the photographs of Andreas Hagenbach.
What are your pictures about?
The leading theme goes on the treatment of space. It is about how we define a space and how we get to use it. That is always connected with questions. I perceive the world by looking at space. While being in Georgia I got the idea to put the written question «Where am I?» into a picture. This project I have realised later in Australia.
Why is the question «Where am I?» important?
The question «Where am I?» is always present. The question about the place where I am is always about cultural identity. When I am at home or travelling, I always ask: What kind of atmospheres are around? How does it smell? What kind of under-currents are around? I interview a cultural identity. «Where am I?» is maybe a starting point, from where you can embark upon for more. It could also mean: «What do I do?»
Do you also mean «Where do I stand in my life?»
Precisely. It could also be «Who am I?». The question plays with double entendre. I do not want to give clear answers nor get any. The photographs can open up mental spaces. The spectator is in my eyes a responsable person. He has the freedom to think something or not to think something. I think that this my position is visible in the pictures.
What gets you going in space?
It's important to find ones own space, that you shall get it, that you shall perceive it. It is crucial to ask how a place comes to be and how it vanishes again. From this a discourse on power hierarchy can emerge. It's about actual issues. Mainly today where space is a privilege of a few. But space also has a mental contour. In seemingly spacious places the mental space can be small. This is rather a social order that we descibe as space. That is why we can feel so far from each other. The title of the show draws on this experience.
Is the mental space more important than the physical?
No, the physical one is quite important to me. This is the one I portrait, I put in a picture. If it wouldn't matter that much I would probably make more abstract images. The physical space as such is an effigy of the mental space. That is also something we can do here, where we are now - I can see three surveillance cameras, that is strange. I am constantly suggested to be hosted, but simutanously I am a potential trouble maker. Insofar it is about to qualify such spaces, to put them in a context.
Text © Katja Jug - All Rights reserved.