Raumaphorismen

english verison below!


Viele der vorliegenden Fotografien befassen sich damit, wie Orte und Räume gestimmt sind. Die Raum bestimmenden, übergeordneten Strukturen sind am Ort selbst oft nur hintergründig sichtbar, der weite Bogen des Wandels von Raum in Räumlichkeit handelt von vielem. Von objektiven Räumen und subjektiven Räumlichkeiten. Scheinbar distanziert werden hier Räume gezeigt, menschenleer, und man ist geneigt, die Oberfläche der Raumkörper als Abgrenzung (zu einem selbst) zu empfinden. Doch da ist mehr.

Um eine Ecke weiter gedacht ist in meinen Fotografien der «offene Raum» angesprochen, den es als eigentlichen utopischen Entwurf gibt, aber schliesslich als heimatlos besehen sich nirgendwo festsetzen kann. Gerade in diesen Bildern wird es einem vorgeführt, dass die Grundbedingungen für einen möglichst offenen Raum konstant gefährdet sind. Einerseits werden materielle Ressourcen knapper, volle Becken Wasser stehen leeren gegenüber. Die Art wie diese Wasserspeicher gebaut sind, lassen über den Verwendungszweck und die Nachhaltigkeit nachdenken. Hier lässt sich unsere Wahrnehmung der Zeit . Zu sehen ist dies an den nebelverhangenen Landschaften in den Alpen. Der Nebel als Vorhang hält den Raum dahinter offen, den wir allerdings mit unserem Vorstellungsvermögen kaum füllen können. Hinter dem Nebel befindet sich ja kein leerer Raum. Doch ein «offener Raum» zu beschrieben ist noch viel schwieriger, darum ist die Oberfläche des Nebels fürs erste willkommen.

Das leere Becken in den spanischen Pyrenäen, das im Winter Wasser zur künstlichen Beschneiung vorzuhalten hat, erzählt wie Raum als Ressource betrachtet und mit Kunstbauten dem Menschen nutzbar gemacht wird. Auf dem hell erleuchteten Fussballplatz steht ein Helikopter der französischen Armée de Terre nach Löscharbeiten bei Waldbränden im Hérault. Weil ein Teil der Mannschaft es vorzog im Helikopter zu übernachten, liegen die Wasserbehältnisse neben dem Fluggerät. Man hat seit jeher die eigenen Ressourcen mit militärischen Mitteln beschützt wie auch die der anderen erobert. Die Vorratshaltung ist ein Grundpfeiler unserer Kultur, doch mittlerweile wird auch der ehemals offene Raum in den Bergen derart beansprucht, dass wir finden, er wird zunehmend kommerzialisiert. Wie die Berge wird auch der Wald Teil einer Rechnung, wo der ehemals offene Raum grösserem Ertrag und positiven Zahlen weicht. Das in Geschichten und Mythen aufbewahrte 'frei' sein hat auch in diesen Gegenden eine grosse Einschränkung erfahren.

Auf den ersten Blick überhaupt nicht mit Mangel an Ressourcen verbunden sind die Serien von Paradise Just Gets Better und Million Dollar Ocean Views Up Here, welche Vorstadtsiedlung im Norden von Perth in Westaustralien zeigen. Es ist vielsagend wie stereotype Räume in diesen Retortensiedlungen geschaffen werden und wie sich dieser in blind wirkenden Fassaden spiegelt. Die Künstlichkeit des Raumgefüges ist hier zu greifen, man ahnt aber vorerst kaum dessen Schwachstelle: Auf das leicht hügelige Gelände, das sichtbar von schweren Maschinen gezeichnet, kommt eine künftige Stadt mit 25'000 Einwohnern zu stehen. Wasser und weitere Ressourcen werden teure Güter für diese Leute werden, was aber auf vielfältige und oft kurios wirkende Weise zu verbergen versucht wird.

Ein anderer Raumbegriff ist im leeren Goal auf einem etwas ramponierten Fussballfeld zu nächtlicher Stunde zu finden. Raum scheint hier klar umrissen. Die klare Umfassung des Ortes weist auf die Spielregel des Spielraumes hin: 'Da' rein! Und 'dort' ist draussen. Die Dualität dieser beiden Räume wird hier objektiv durch einen Kreidestrich bestimmt. Vom kunstvollen Spieler wird erwartet, dass er dieses geschlossene System mit seiner Leichtigkeit anders aussehen lässt. Das kunstvolle Balltreten bestimmt subjektiv unsere Raumerfahrung.

Die Pflanzen in der rollbaren Vitrine werden für die Wissenschaft mit Sorgfalt gehegt und somit ist das Setting für einen analytischen Betrachter selbsterklärend. Doch in dieser Fotografie kommen viele Fragestellungen des Raumdiskurs zusammen. So liesse sich sagen, diese Pflanzen befinden sich in einem anderen Raum als ihre Umgebung. Man könnte aber auch sagen, sie befinden sich in einer anderen Zeit. Je nach Standpunkt liesse sich weiter fragen: Wo ist denn hier innen und aussen?

Die Produktion von Raum sei ein performativer Akt wird heute viel gesagt. In vieler meiner Fotografien werden diese topologischen Fragen in einem Gefühl der Unruhe reflektiert, weil sich die offenbarende Sinnfrage nicht so schnell beantworten lässt. Die Räume stellen sich als Geflecht verschiedener Texturen dar, die eine unterschiedliche Oberfläche und Tiefe haben, die mehr oder weniger Zugang oder Durchlässigkeit erlauben. Selbst in der fotografischen Abbildung werden diese Texturen auf ihre Wirkung getestet: Beim Betrachten mancher Fotografien stellt sich eine Art Fokusverschiebung ein. Fokussiert der Betrachter zuerst auf den Vordergrund oder etwas in der zweiten Bildebene, dann auf die dritte Ebene, so verschiebt sich auch mental sein Fokus, und er hat das Gefühl weiter zu schauen. Diese eher implizite Raumerfahrung wird gewollt nicht immer vermittelt, bei manchen wird der Betrachter vor die Nase gestossen und er muss die Frage selber beantworten, wie sich der Mensch im Raum zu positionieren hat.

Juni/September 2008
Andreas Hagenbach



english version:

Aphorisms on space

Many of the present photographs are largely about how locality and spaces are tuned. The space determining, superordinate structures are often enigmaticaly visible, the broad curve of the change from space to locality deals with a lot. Of objective spaces and subjective localities. They appear distant, without humans, and we might consider the surfaces of these spatial structures as demarcation line (towards us). But there is more.

Thinking a bit outside of the box these photographs address «open space», which as an utopian draught is thought as homeless and can not be placed anywhere. But the basic conditions for a most possible open space are meanwhile constantly endangered, on the one hand by material resources, on the other hand by our perception (of time). This is shown by the example of the foggy landscapes in the alps which attracted me since a long time. The fog as curtain keeps the area behind it open, which however we cannot fill with our imaginative power. On the other side (of the fog) indeed there is no empty space. To delineate «open space» is far more difficult, therefore the surface of the fog may be welcome for the time being. The empty basin in the Spanish Pyrenees, which has to reproach water in winter for artificial snow tells the story how space is taken as resource and how it gets managed with civil engineering works.

On the brightly lit football field stands a helicopter of the French Armée de Terre after fire-fighting forest fires in the Hérault region. Because a part of the crew preferred to stay overnight in the helicopter, all water supply gear lies beside the aircraft on the brightly lit football field ready for the next employment. Armed forces have protected resources as much as they were deployed to gain the ones of others. Stockpiling is a cornerstone of our culture, however today we think the formerly open space in the mountains is increasingly commercialised. Mountains and forests become part of a calculation, where bigger yield and positive numbers take over the formerly open space. The 'freedom' as it is know from stories and myths gets limited also in those areas.

Not connected at first sight with the lack of resources are the series of Paradise Just Gets Better and Million Dollar Ocean Views Up Here, which display suburbia in the north of Perth in Western Australia. It tells a lot how these stereotype areas are created in retort settlements and how it is mirrored in the blind appearing fronts. The artificiality of the spacial structure can be grasped at and one hardly suspects here its weak spot: On these slightly sloped hills casted with heavy machinery comes a town for 25'000 future inhabitants. Water as much as any material resources are becoming dear goods, a fact which is sought to stay hidden in many and quaint appearing ways.

Another quality of space is found in the photograph of the empty Goals on a battered football field in a nightly hour. Space is here clearly outlined. The clear enclosure of the place refers to the rules of the game: 'In' here! Outside is there. The duality of these two spaces is clearly defined by a line of chalk. The player is expected to let this self contained system look different with his ease of play. The artful ball kicker determines our subjective space experience.

The plants in the rolling showcase are preserved with care for the art of science. For an ordinary viewer this setting is self-explanatory. But in this picture many threads of the discourse on space come together. We could say, these plants are in another space as its environment. We could extend that saying they are in another time. Depending on the point de vue we could further ask: Where is here inside and outside? We have heard that the production of space is a performative act. In many of my photographs these questions on topology are mirrored in a sentiment of unrest, because the meaningful answer isn't short at hand. Spaces are a netting of various textures, each with a different suface and depth, varying in access and penetrability. Even in my photographs these textures are tested on their qualities: Looking at certain photographs we can perceive a shift in our focusing. Looking first at something in the fore- or middleground and then looking to the background, we shift are focus also mentally, and we somehow look further away. This rather implicit spatial experience isn't intended all the time, on some photographs the viewer is left alone and he has to answer the question by himself, where and how the we place ourselves.

June/September 2008
Andreas Hagenbach